Fotografie

TANGER TRANCE   -   Portrait of the Magic City

Work in progress: Texts by Florian Vetsch and photographs by Amsel

"Wie jeder Romantiker hatte ich stets vage vermutet, dass ich eines Tages an einen magischen Ort kommen würde, der mir durch die Offenbarung seiner Geheimnisse Weisheit und Ekstase schenken würde, vielleicht sogar den Tod. Und jetzt, als ich (auf Deck) im Wind stand und die Berge (das Rifgebirge) vor mir betrachtete, spürte ich das Summen eines Motors in meinem Innern, und es war, als näherte ich mich der Lösung eines bisher nicht geahnten Problems. Ich war unbeschreiblich glücklich, während ich zusah, wie die Masse der Berge langsam Gestalt annahm, doch ich liess dieses Glück über mich hereinbrechen, ohne Fragen zu stellen."

                                                              Paul Bowles aus "Rastlos. Erinnerungen eines Nomaden"
 

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          Report über TANGER TRANCE auf Al Jazeera:




In mir steckt nach wie vor das Kind, das schaut und staunt. Ich habe mich an nichts gewöhnt, auch nicht daran, dass ich morgens aufwache und nach dem Kaffeetrinken den Alltag beginne. Alles kommt mir vor wie ein Traum, einmal Wunschtraum, einmal Alptraum. Die Bilder sind flüchtig, selbst auf Papier gebannt. Alles ist flüchtig. Fotografien verlangsamen die Lebenszeit nur und sie verweisen auf alles Vergängliche. Doch aus dem Vergänglichen bilden sich die Geschichten, die wir in den festgehaltenen Momenten lesen können, sie sind unsere Erinnerungen.


 

Stimmen und Kommentare:

„In ihrer Sitzung vom 22. Februar 1986 hat die Jury mit Dr. Erika Billeter, Marcel Ed. Chollet, Dr. Bruni Frick, Marcel Imsand, Oswald Ruppen und Ernst Scheidegger anlässlich des Grossen Fotopreises der Schweiz Franziska Selma Muheim (heute Amsel, Anm. d. Autors) für eine förderungswürdige Leistung auf dem Gebiete der Fotografie ausgezeichnet."

                                                                                   Februar 1986

 

„Es gilt das grosse Talent dieser Fotografin einem noch breitere Publikum bekannt zu machen."

                                                                                  Manuela Gadient, Galeristin und                                                                                   Kunstsammlerin, Oktober 2003          

 

"Aufgrund meiner Begeisterung für die FOTO-Arbeiten von Amsel, wollte ich ihr Werk 2004 im mediacampus ausstellen. Aus dieser Idee wurde dann jedoch das Remake des Kunsthaus Oerlikon. Amsel hatte sich dort, ganz nebenbei, als sehr effiziente und einfallsreiche Kuratorin einer grossen Ausstellung bewiesen und hat zudem als einzige  der über 40 KünstlerInnen alle Arbeiten anlässliche der Ausstellung verkauft. Wenn auch der Remake des Kunsthaus Oerlikon ein sehr spannendes Projekt war, so bedaure ich trotzdem, dass die Einzelausstellung mit Amsel nicht stattgefunden hat."

                                                                                  Heidi Wegener, Kuratorin Design Preis                                                                                   Schweiz,  Juni 2004

 

am besten gefällt mir die ecke mit moon over london und east end (dieses

bild halte ich für das bemerkenswerteste der ausstellung).

london calling ist ein gutes bild mit den beiden kleinen irritationen

(fläschli und stick).

when we're dreaming ist zwar ein oft gesehenes bild, aber gut. the cook ist

mir im kopflöffel steckengeblieben.

aber eben, kompositorisch haben mir der grüne baum und der rote zaun

eingeleuchtet, auch von der bewältigung des formats her, und dem

oszillieren zum malerischen hin.  

                                                                                 Walter Keller, Scalo, April 2006     

                                                                                 anl. „London Calling!" at LAST Gallery,                                                                                  Zürich

 



LONDON CALLING
Photographs by Amsel
Einführung zur Ausstellung
Dr. Ildegarda Scheidegger

9. März 2006

 

In der Auseinandersetzung mit den Fotoarbeiten von Amsel begegnete ich einer Künstlerin, die Geschichten zu erzählen weiss. Ihre Werke beschränken sich nicht nur auf das Abgebildete, sie laden ein zum Nachdenken und eröffnen die Dimension dahinter.

London Calling, der Wortlaut, entnommen einem historischen Punksong der britischen Gruppe The Clash, verweist auf die unbestrittene Sogwirkung, die die nordeuropäische Metropole auf Weltreisende ausübt. Ein Sog, der durch das emsige Grossstadtleben mit seinem Cross over an Kulturen zur Integration aufruft, ohne den Weg aufzuzeigen, wie es dazu kommen sollte. Aber London hat viele Gesichter. Vom Glücksfall London, wie in der Geschichte des Oliver Twist dargestellt, bis zum ausweglosen Aufenthalt eines Stefan Zweig, der in London nur ein Exil erblickt, und das Nicht-Verstanden-Werden, das Ausgeschlossen-Sein beklagt.

Amsel entwirft ein Bild einer Grossstadt, indem sie mit den Realitäten spielt. Sie fotografiert und verbindet zeitlose, sowie zeitabhängige Augenblicke zwischen Bewusstsein und Unbewusstsein, zwischen realer und fiktiver Ebene. Das Medium der Fotografie gibt die Möglichkeit Zeugnis erinnerungswürdiger Ereignisse oder Szenen abzulegen. Amsel spielt in ihren Abbildungen mit tiefenpsychologischen Ansätzen. Sie bemüht den durchgehenden Blick, legt mehrere Schichten aufeinander, verquickt die Ereignisse, oder besser, das, was sie sieht, zu einem ungeordneten Gedankengeflecht, mal nebeneinander, mal hintereinander.

Ihre Arbeitsweise ist simpel. Sie wandert mit ihrer Spiegelreflexkamera umher und sucht die Umgebung ab. Dabei baut sie intuitiv Ausschnitte aus dem Weltenpuzzle auf ihre Linse. Ohne weitere Bearbeitung des Bildes entscheidet sie über die Weiterverwertung nach ästhetischen Aspekten.

Amsel widmet sich im Besonderen weder Gesichtern, noch der Architektur, obwohl beides vorkommt. Ihr kann alles Sujet sein. Durch gegensätzliche Motive dokumentiert sie scheinbare Verbindungen. Im Foto wahrt Amsel eine vermeintliche Distanz zum gewählten Motiv. Die wirkliche Welt, das Fotografierte, sozusagen, entmaterialisiert sich zuweilen in Unschärfe. Die Bilder evozieren metaphorische Darstellungen von Melancholie und Sehnsucht, aber auch von Vergänglichkeit und Unnahbarkeit. Fragen wie, sind wir wirklich, gehören wir dazu, tauchen auf.

Das Bild „Travelling with W.G. Sebald" fasst in seiner klaren Geometrie verschiedene Gedankenbilder auf.  Im Mittelpunkt die blonden Zwillingsbrüder, im Fokus aber steht das irrationale, der Gedanke an die Vergangenheit und an die Zukunft zugleich. Das Bild assoziiert die Reflexion, wo der Zeitfaktor irrelevant wird. Gedanken existentieller Natur tauchen auf. Inspiriert wurde Amsel vom Werk Winfried Georg Sebalds, ein deutscher Nachkriegsautor, der schon früh und bis zu seinem tragischen Unfalltod 2001 an der Universität von East Anglia in Norwich lehrte. Sebald erzählt in seinen Essays, Romanen und  Gedichten vom langsamen Erkunden. Bei seinen genauen Beschreibungen behält er den distanzierten Blick des Aussenseiters bei. Amsel nennt die Begegnung mit Sebalds Literatur ein Schlüsselereignis. Sie erfährt die Vermischung von  Chronologien, Geschichte verblasst, wird nichtig, wird in Frage gestellt. Gleich wie Sebald bewandert sie den Raum und findet verschiedene Realitäten. Durch das Spiel mit der Illusion kommt die Erkenntnis, dass sie in Wirklichkeit ausgesperrt ist.

Das Phänomen der Spiegelung erlaubt es Amsel zufällig fremde Elemente einzubringen, und so das gedankliche Reflektieren, ob echt oder unecht, ob Illusion oder Wirklichkeit zuzulassen. Ganz prägnant macht man diese Erfahrung am Bild des Tower, wo auch die Frage nach der Historie und ihrer Bewertung aufflammt. Gross und wuchtig erscheint das geschichtsträchtige Monument, durch seinen indirekten und verschwommenen Blick wirkt es entrückt. Durch den Schattenwurf wird diese Erfahrung noch potenziert, die Brücke ist gebrochen, der reale Zugang verwehrt.

Meine eigene Erfahrung mit der Kunst Ostasiens bemühend, denke ich unweigerlich an ein Bild, das in der Zen Malerei zum Repertoire gehört. Es ist der Affe, der im Wasser nach dem Spiegelbild des Mondes greift. Was Humorvolles andeutet, umschreibt in Wirklichkeit die Grenze des vorstellbaren Konkreten zum illusorischen nicht Fassbaren. Ein Sinnbild, das in der Malerei und in der Literatur des Fernen Ostens oft angewendet wird, wird hier speziell gleichzeitig zum Nichts und zum Etwas, zu Greifbarem und nicht Greifbarem.

In einer Notiz zu einem Glasobjekt las ich bei Gerhard Richter über das Glas und den Spiegel in etwa folgendes: Hineinsehen bedeutet, alles sehen und nichts begreifen. Begreifen auch im wörtlichen Sinne von anfassen. Auf die Frage, was er im Spiegel sehe antwortet Richter: „Mich - aber danach gleich das, dass er, der Spiegel, wie ein Bild funktioniert. Und genau wie ein Bild zeigt er etwas, was gar nicht da ist, wenigstens nicht da, wo wir es sehen."

Durch die Integrierung einer Spiegelung im Bildrahmen stellt sich die Frage nach der Geschlossenheit der Abbildung; eine neue Dimension kommt ins Bild und wirft existentielle Fragen auf, nicht nur auf die Existenz der abgebildeten Objekte bezogen, sondern durchaus das eigene Dasein des Betrachters betreffend: Bin ich?  Wo bin ich? Und hier kommt das bei Amsel oft in eine melancholische Atmosphäre gehüllte Gefühl des Ausgesperrt-Seins.  Die Blicke immer auf Stadtausschnitte Londons geheftet, ist es die Wahrnehmung eines Fremden, der dem Begreifen der Grossstadt erliegt.

Eine neue Dimension eröffnet sich auch beim Blick in den Nachthimmel. Die Mondscheibe als Bild der Illusion. Ihre Wahrnehmung entspricht derjenigen beim Blick in den reflektierenden Spiegel. Seine Strahlkraft zieht an, der Mond selbst bleibt entrückt und unnahbar. Amsel flankiert das Zentralbild des Mond Triptychons mit zwei Aufnahmen leuchtender Urbanität. Irdische Resonanz zum Kosmos. Die Unschärfe bringt die Strukturen der leuchtenden Fensterrechtecke durcheinander, die Formen sind aus dem Lot. Intuitiv spielt Amsel mit Gegensätzen und bringt diese in Harmonie.

Harmonie aus Gegensätzlichem zeigt auch die Komposition „Aldgate Station." Die U-Bahn Haltestelle, oder nach Magritteschem Geist, ihr Abbild, weist auf zwei entgegen gesetzte Ausgänge, Mann oder Frau. Das Spiel mit der Realität wird hier weitergetrieben. Hat Amsel die abgebildeten Personen auf ihre Linse gebannt, oder wiederum nur deren Abbild? Real ist die Wahrnehmung von Nostalgie und Erotik. Oder sind es Traumbilder? Ebenso mischt sich hier intuitiv und zufällig, durch die Erinnerung an die letzt jährigen Bombenanschläge, eine politische Komponente in die Szene. Die Werbung für die Greatest Hits der Hip-Hop Band Public Enemy springt heute wie eine verächtliche Satire dazwischen. Es schwingt die Metapher des sterbenden Todes mit. Überhaupt wird auch der Tod bei Amsel immer wieder thematisiert, mal direkt, mal indirekt.

Sehr oft, wie hier, integriert Amsel Schriftzüge. Sie fotografiert unmittelbar wahrgenommene Schriften, humorvolle oder ernste Mahnmale. Diese in oberflächlicher Erkenntnis kommerziell motivierten Verbalismen stehen der reinen Abbildung gegenüber. Und wiederum steht die ästhetische Wirkung der Schrift dem Sinn des Inhaltes entgegen. Beides ist Amsel wichtig. Bei „Breakfast in Camden" wird die Schrifttafel durch die Architektur im Mittelbild verstärkt und von der anderen Seite durch die zeichenhaft dastehenden Mädchenbeine zum Dialog provoziert. Bei „Maresfield Garden" bilden die prägnanten Namenszüge eine Bipolarität, sowohl in Farbe, als auch im Inhalt und umrahmen Amsels Geschichte in den Gefilden der Symbolik und der Psychoanalyse.

Amsels Arbeitsweise ist geprägt vom wachsamen Durchwandern von Schauplätzen, wo sich etwas abspielt, sei es sichtbar oder in Gedanken erkennbar. Sie fühlt sich angezogen von evokativen Bildern und schliesst gleichzeitig das Dahinter mit ein. Sie fühlt sich angezogen von Geschichten und den farbigen Facetten der Existenzen. Sie fühlt sich angezogen von London.

 

 


                 
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